Die Gratulationsrede des offiziellen Partners des Lehrstuhls «Telematik» Prof.THK M. Bongards - Ehrenprofessor des KSTUs von I.Razzakov.


Datum: 21.10.2016 Ansichten: 1733



Meine lieben kirgisischen Freunde,

diese persönliche Anrede wähle ich, da ich sicher bin, unter den Zuhörern dieser Rede Freunde zu haben. Seit 2004 fahre ich regelmäßig nach Kirgistan und ihr, meine kirgisischen Freunde, habt mein Leben bereichert.

Warum kann ich nicht selber kommen? Meinen nächsten Besuch muss ich verschieben, weil ich in Gummersbach sehr viel zu tun habe. Und nun ist leider auch meine Mutter schwer erkrankt. Ihr Tod ist nicht mehr fern. Ich bitte deshalb um euer Verständnis, dass ich nicht persönlich anwesend bin.
Natürlich denke ich in diesen Tagen viel an meine Mutter, deshalb möchte ich das Jubiläum der Telematik mit ihr verbinden.Meine Mutter hat sich immer für ferne Länder und speziell für Kirgistan interessiert, ihr würde dies gefallen.

Meine Mutter wurde im Jahr 1918 geboren, sie ist fast 98 Jahre alt. Bedenken wir einmal, wie sich die Welt in diesem einen Menschenalter geändert hat. 1918 war das Telefon eine Erfindung, die nur von einigen Geschäftsleuten genutzt wurde, die meisten Menschen konnten damit noch nichts anfangen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie in ihrer Kindheit mit ihren Freundinnen an die Straße gelaufen ist, wenn ein Auto vorbei kam – ein Auto war eine Sehenswürdigkeit. Und Bishkek war gerade einmal 40 Jahre alt. Die Stadt wurde gegründet im Jahr 1878, so steht es in Wikipedia.

In ihrem Leben hat sich die Welt grundlegend geändert: Fast jeder Mensch nutzt heute das Telefon. Auch in den Dörfern des Toktogul haben die Schulkinder oft schon Smartphones. Und die Kosten für alle diese Telefongespräche sinken kontinuierlich. Wir können z.B. von Deutschland aus kostenlos stundenlang Skype-Videotelefonate mit der Telematik führen, um Bachelorarbeiten zu prüfen.

Warum ist dies so? Der technische Fortschritt ist verbunden mit immer preiswerteren Energiequellen immer besser funktionierender Automatisierung. Beides reduziert die Kosten und den Aufwand für technische Prozesse. Diese Entwicklung setzt sich kontinuierlich fort: Große Kohleund Gas-Kraftwerke stellen seit Jahrzehnten Energie relativ preiswert zur Verfügung. In Kirgistan ist Wasserkraft sehr verbreitet, diese Energie ist fast kostenlos verfügbar. In Deutschland arbeiten wir intensiv an der „Energiewende“: Wir wollen zum Beispiel immer stärker Windenergie und Photovoltaik nutzen, diese Energien stehen zu geringen Kosten unerschöpflich zur Verfügung.

Und noch erstaunlicher ist die Entwicklung der Automatisierung oder Telematik: In den letzten 30 Jahren ist die Leistung der Computer millionenfach gestiegen: Ein kleiner Computer ist heute viel leistungsfähiger als die Großrechner von 1980 und anstatt Millionen Euro kostet er weniger als ein gutes Mittagessen. Diese Entwicklung wird unser Leben weiter grundlegend verändern: Die Telematik wird in wenigen Jahren autonome Fahrzeuge ermöglichen. Ich bin persönlich sehr gespannt, wie ein autonomes Fahrzeug im Autoverkehr in Bishkek zurechtkommt. Vielleicht muss man einige spezielle kirgisische Softwaremodifikationen einführen, damit das autonome Fahrzeug im Autostau vorwärts kommt. Und auf alle Fälle muss speziell für Kirgistan das automatische Hupen eingebaut werden.

Die technische Entwicklung wird weiter voranschreiten. Damit werden wir viele Probleme lösen, die jetzt unausweichlich auf uns zukommen. Die Klimaveränderung und die damit verbundene Erwärmung der Erde spüren wir inzwischen alle. Gentechnische Veränderungen in Verbindung mit modernen Bewässerungsmethoden und Ernteverfahren werden die Probleme der Ernährung lösen. Schon bei meinem ersten Besuch habe ich gelernt, dass Kirgisen sehr gerne Fleisch essen. Und ich muss sagen: Hier schmeckt es auch sehr gut. Allerdings benötigt die Viehzucht sehr viele natürliche Ressourcen. Auf diesem Gebiet ist ein technischer Durchbruch fast erreicht: Pflanzliche Rohstoffe können inzwischen so verarbeitete werden, dass das Endprodukt nicht von einem echten „Hamburger“ zu unterschieden ist. Wann wird dieser Fortschritt Kirgistan erreichen, wann werde ich ein Soja-Steak in Kirgistan serviert bekommen? Möglicherweise dauert es noch etwas, aber für viele dicht bevölkerte Länder mit knappen Nahrungsmitteln ist diese Entwicklung ein Segen.

Und ihr jungen Menschen, die jetzt Telematik studieren, ihr werdet wahrscheinlich noch den Bergbau im Weltall erleben. Das könnte etwas Probleme für den kirgisischen Goldbergbau mit sich bringen, denn angeblich fliegen im All einige Himmelskörper aus massivem Gold herum.

Meine Mutter ist aufgewachsen in einer Welt weitestgehend ohne Telematik und noch ohne Computer. Für junge Menschen ist dies heute kaum noch vorstellbar. Die Telematik ist inzwischen die entscheidende Technologie für unseren technisch-wissenschaftlichen Fortschritt geworden. Ohne Computer funktionieren heute weder Verkehr noch Infrastruktur noch Lebensmittelversorgung. Entscheidende Impulse für unsere dringend erforderlichen Innovationen in der Zukunft kommen von Computertechnik und Automatisierung.

Gott war wieder einmal freundlich zu uns, denn es ist eine Gnade des Schöpfers dieser Welt: Die Computertechnik ist grundsätzlich demokratisch und für jeden nutzbar. Man braucht dafür nicht viel Kapital oder seltene Ressourcen. Jeder Mensch auf der Welt kann mit einem preiswerten Computer eine geniale Smartphone-App programmieren und damit reich werden oder Menschen glücklich machen. Erforderlich ist nur eine Ressource: Fleißige und intelligente Menschen. Diese Menschen habe ich hier an der Technischen Universität in Bishkek gefunden. Deshalb konnte sich der Lehrstuhl für Telematik so erfolgreich entwickeln. Wir haben aus Deutschland einige Anregungen und einige wenige Geräte geliefert, wir gaben Hilfe zur Selbsthilfe. Die Telematiker haben aus eigener Kraft daraus etwas sehr Gutes gemacht: Es entstand hier ein High-Tech-Zentrum für die Automatisierung. Die Telematiker lösen heute komplexe Aufgaben in der Messtechnik und Automatisierung mit modernen Methoden – sie haben inzwischen europäischen technischen Standard erreicht. Stichworte wie „Industrial Internet“ oder „Industrie 4.0“ sind für die Telematiker Kirgistans keine Fremdwörter. Sie sind in der Mitte dieser technologischen Umwälzungen und entwickeln moderne konkurrenzfähige Applikationen.

Gerne werde ich auch in Zukunft das schöne Kirgistan, meine zweite Heimat, besuchen. Gerne werde ich dann auch meine zweite Universität, die Technische Universität Bishkek, besuchen und ich bin mir sicher, jedes Mal werde ich neue Entwicklungen und Fortschritte in der Telematik sehen.

Liebe Telematiker, für eure Zukunft wünsche ich Alles Gute und noch viele spannende Innovationen.

Michael Bongards

Lehrstuhl "Telematik"